4.6.10

Nackt - Abschlussausstellung 2010 des Lette Vereins



Der Titel der Ausstellung klingt wie einer dieser zahllosen Werbeslogans, die uns Tag für Tag um die Ohren geschlagen werden. Nackt. Im Internet sorgt allein das Wort für abertausende von Klicks und in der wunderbaren Welt der Waren wie ein leeres Versprechen, wie eine von Kreativen einer Werbeagentur gestaltete Worthülse. Hauptsache ein Hund riecht die Wurst und rennt los. Nackt ist der Titel der Abschlussausstellung des Jahrgangs Fotodesign 2010 des Berliner Lette Vereins. Ein etwas missverständlicher Titel, es geht nicht um Aktaufnahmen sondern den jungen, kreativen Blick auf die Welt. Es geht um Kunst, nicht um Konzepte. 

Lette Verein
Strassburger Straße 6 - 9
Berlin
Öffnungszeiten 14 - 22 Uhr. 
Vernissage Freitag, 11. Juni, 19 Uhr

Fotobuchtage in Hamburg

Der Markt für Fotobücher ist eine Nische, der Hype des Kunstmarkts hat die Branche verschont. Während Kunsthändler teils deutlich fallende Preise vor allem für zeitgenössische Fotografie beklagen bleiben Verleger von der Volatilität des Kunstmarkts verschont. Ganz im Gegenteil, die Zahl der Fotobücher ist seit den neunziger Jahren geradezu explodiert. Sammler haben die Fotoliteratur als Leidenschaft entdeckt, aber eher im Stillen. Die große Öffentlichkeit sucht die Branche nicht. Man bleibt bei Kunstmessen unter sich, Sammelleidenschaft ist keine Prahlerei. Die Liebhaber von Fotobüchern treffen sich an diesem Wochenende in Hamburg zu den Fototagen. In den Deichtorhallen stellen Fotografen wie Kirill Golovchenko, Michael Schnabel, Andrew Phelps oder Renate Aller ihre Projekte vor, Verlage präsentieren sich und wer selbst die Idee hat, seine Bilder in Büchern zu veröffentlichen, kann sich in Workshops genauer informieren. Das Programm finden sie hier.

2.6.10

Das Trauma von Kashmir

Andy Spyra, Jammu und Kashmir, Mai 2009,
Armut, Krieg, Gewalt: Der deutsche Fotograf Andy Spyra zeigt das Leid der Menschen in der Grenzregion Kaschmir in einer preisgekrönten Fotoreportage. Er hat den Leica Oskar Barnack Nachwuchspreis für Fotografie gewonnen. Den erhält er für seine Fotoreportage über Kaschmir, eine Region, die seit der Unabhängigkeit von Indien und Pakistan von beiden Ländern beansprucht wird. 

Spyra sagt über seine Fotoreportage: "Ich kam zuerst zum Beginn des Frühjahrs 2007 nach Kaschmir am Ende einer Motorradreise durch Indien und habe mich einfach in die Region, die Leute, das Licht und die Atmosphäre dieser abgelegenen Gegend verliebt. Aber so viel, wie ich die Gegend liebe, verabscheue ich die die politische Lage des Tals. Eingezwängt zwischen den zwei Atommächten und Erzfeinden Indien und Pakistan, leiden die Leute in Kaschmir am meisten unter dem Konflikt, wenn ihre Ehefrauen und Schwestern vergewaltigt und ermordet werden, Söhne und Ehemänner verschwinden oder einfach während einer der zahllosen Demonstrationen gegen die indische Militärpräsenz in der Region erschossen werden. Manchmal lud man mich in Häuser ein, wo die Familie um einen geliebten Menschen trauerte. Und wenn man sieht, was das Sterben in einer Familie auslöst, dann kann man den Tod von mehr als 60,000 Menschen während des Kaschmirs-Konflikt einfach nicht fassen. Psychologisch gesehen ist das ganze Tal traumatisiert und ich hoffe, dass durch meine Fotografien die Betrachter nicht nur Kaschmir  sehen, wie ich es sehe, sondern das ganze Drama emotional begreifen lernen. So, wie ich es erlebe“.

30.5.10

Südafrikanische Fotografie in Goch


Pierre Croquet, Courtesy Seippel Gallery

Das Museum Goch zeigt seit heute südafrikanische Fotografie aus sechs Jahrzehnten. Wenn in diesem Sommer die Fußballwelt nach Südafrika schaut, lenken die Kuratoren den Blick auf die künstlerische und kulturelle Entwicklung des Landes. Die Präsentation umfasst mit ca. 180 Werken alle bedeutenden Fotografen, deren Arbeiten nachhaltig auf die Gesellschaft des südlichen Afrikas gewirkt haben. Ihre Bilder haben unser Bild des Landes zwischen Apartheid und Demokratie ganz wesentlich geprägt. Die Ausstellung umfasst den Zeitraum von 1950 bis 2010. Sie reflektiert das Leben in der Apartheid, den Kampf der Befreiung sowie die Zeit des neuen Südafrikas und seine Öffnung in der Gegenwart. Zu den gezeigten Bilder gehören zahlreiche, die für das Magazin DRUM entstanden, das zu den meistgelesenen Organen der schwarzen Bevölkerung wurde. Künstler wie Bob Gosani dokumentieren mit ihren Reportagen und Fotos die Lebenswirklichkeit während der Apartheid. Mit Cedric Nunn ist ein Künstler der jüngeren Generation in der Ausstellung vertreten, die mit ihren Fotografien den Kampf der schwarzen Bevölkerung gegen das Unrechtsregime unterstützten. Des weiteren zeigt das MuseumWerke von Peter Magubane, Ranjith Kally, G.R. Naidoo, Pierre Crocquet, Alf Kumalo, Ernest Cole, David Goldblatt, Paul Weinberg, Santu Mofokeng, , Roger Ballen und Guy Tillim.
Mit Mikhael Subotzky, Zanele Muholi, Jodie Bieber oder Andrew Tshabangu sind schließlich junge Fotografen vertreten, die den Wandel ihres Landes zur modernen Demokratie und Wirtschaftsmacht begleiten und dokumentieren. Die Ausstellung bietet erstmals einen umfassenden Blick auf die Geschichte der Fotografie in Südafrika. Die Bedeutung dieses Mediums geht dabei weit über den dokumentarischen Charakter hinaus. Insbesondere die wachsende künstlerische Qualität und Eigenständigkeit der Photografie wird in der Ausstellung herausgearbeitet. So erweist sich der Weg von der Apartheid bis heute auch als ein Weg einer wachsenden künstlerischen Autonomie, die sich in den Arbeiten spiegelt.

Der Zweiklassenmarkt für Fotografie

Vier dicke Kataloge - Lempertz, Grisebach, Van Ham und Bassenge -, aufwendig gestaltet und beworben, insgesamt viele tausend Lose: Wer Fotografie sucht, sollte man meinen, kann auch auf dem deutschen Markt fündig werden. Doch schon die Preisspanne macht stutzig. Nur selten gibt es Werke, die im fünfstelligen Bereich ausgezeichnet sind - und wenn, dann sind es meist Zeitgenossen - Thomas Struth, Andreas Gursky oder Hiroshi Sugimoto - und nicht die Klassiker des Genres, die frühen Amerikaner, kostbare Vintages. Nicht einmal die reiche deutsche Frühgeschichte der Fotografie - von August Sander bis Albert Renger-Patzsch - wird mit den teuren Abzügen auf deutschen Auktionen gehandelt, sondern in New York. 'Der Auktionsmarkt ist hier nur ein Zerrspiegel des wirklichen Marktes', sagt Rudolf Kicken, einer der profiliertesten deutschen Foto-Galeristen in Berlin. Deutschland, das eine so reiche Szene hat, wenn es um Malerei und Skulptur geht, hat erst spät die Fotografie als sammelwürdiges Medium entdeckt. Es gibt, anders als in den USA, nur wenige historisch gewachsene Sammlungen - und damit schlicht weniger Einlieferer. Gleichzeitig möchte aber kein Auktionshaus auf diese prestigeträchtige Sparte verzichten. Man bestückt also im Frühjahr wie im Herbst dicke Kataloge - und dort finden sich dann auch Dinge wie das Jahrhundertwende-Reise-Album für ein paar hundert Euro oder Fotobücher, die noch preiswerter sind. Doch wo sich das Angebot verzettelt, entsteht kein Umfeld für museumswürdige Kostbarkeiten. 'Besser wäre es, nur eine oder zwei Auktionen im Jahr zu veranstalten, so würde man international auf das Angebot aufmerksam werden', sagt Thomas Zander, Galerist aus Köln; ihm stimmen Kenner der Szene zu.
'Es ist schon dramatisch, dass die Amerikaner den deutschen Markt nur beschicken, wenn sie mittleres und schlechtes Material in niederen Preislagen im Eurobereich loswerden wollen', sagt Rudolf Kicken, 'es fehlt einfach an mutigen Entscheidern, die Zweitklassiges ablehnen; doch aufgeben oder aussetzen will keiner.' Deutschland hätte dabei durchaus Potenzial: Das Publikum liebt Fotografie, Museen inszenieren nicht nur Blockbuster-Schauen von Mapplethorpe bis Gursky, sondern auch kunsthistorische Aufarbeitungen. Zudem wurde in Deutschland ein wichtiges Kapitel der Fotografie-Geschichte geschrieben. Sammler, die mit Malerei oder Skulptur angefangen haben, finden bei Zander über Konzeptkunst zur Fotografie. Und bei Kicken werden viele fündig, die anfangen, 'rückwärts zu sammeln: Sie schätzen die Struffskys oder die Bechers und kaufen dann die Ahnen dieser Künstler: Sander oder Renger-Patzsch'. Zumindest da ist Deutschland vorn: Wer zeitgenössisch sammelt - wie Ingvild Goetz oder Harald Falckenberg - hat Fotografie selbstverständlich im Portfolio

29.5.10

Provokateur mit der Kamera

Der ukrainische Künstler Boris Mikhailov gilt als einer der visuellen Chronisten der sozialen Verwerfungen nach dem Zerfall der Sowjetunion. Bereits zu Sowjetzeiten fotografierte der heute 72jährige illegal die Schattenseiten des „Arbeiterparadieses“. Seit dem Ende der Sowjetunion dokumentiert er das neue Elend: die Klasse der Obdachlosen, Straßenkinder, Trinker und Kranken. Eine Auswahl dieser Bilder, die aufgrund ihrer Radikalität weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt haben, ist ab Freitag, 14. Mai, in den Räumen des Kunstvereins
Rosenheim, Klepperstraße 19, zu sehen. Ausstellungseröffnung ist am Freitag, 14. Mai um 19 Uhr. Vorstandssprecherin Hannah Stegmayer wird in die Ausstellung einführen. Der Künstler ist anwesend.
Mikhailov schaut mit der Kamera genau hin, wo alle anderen wegschauen. Er nimmt den Menschen, der von allen und von sich selbst aufgegeben wurde in den Blick. Mit der Kamera gelingen Mikhailov Bildkompositionen erfüllt von Verzweiflung und Resignation, aber auch von Heiterkeit und Lebensfreude, von Stolz und Schönheit auf einer Insel der Verlorenen. Mit seiner Bitte an Obdachlose, sich gegen Geld vor der Kamera zu entblößen, durchbrach Mikhailov ein Tabu, das weltweit Diskussionen auslöste, und ihn gleichzeitig berühmt machte. In der Ausstellung zeigt der Kunstverein Rosenheim Arbeiten aus den Serien „Case History“, „Wedding“, „19. January“ und „Sandwich“. Während „Case History“ die Zeit des Elends nach dem Ende der Sowjetunion in der ukrainischen Industriestadt Charkov dokumentiert, stellen die anderen Serien vor allem fotografische Collagen dar.

28.5.10

Bilder im Kopf

Foto: Thomas Hoepker/Magnum Photos/Agentur Focus
Von Willi Winkler
Das obszönste Bild hängt gleich am Anfang, und obszön ist es, weil es ein Idyll zeigt: Vier Männer sind um eine Frau und ein Fahrrad gruppiert, die Sonne scheint, das Wasser in der Bildmitte glitzert wie sonst nur bei Ferien auf Saltkrokan, und die jungen Leute unterhalten sich mit äußerster Gelassenheit, während im Hintergrund eine riesenhafte Wolke über das südliche Manhattan treibt. Es ist der 11. September 2001 in New York, aber so schön, als wäre nicht eben eine Katastrophe passiert. Der Fotograf Thomas Hoepker war dabei, aber er hielt dieses Bild fast fünf Jahre zurück, weil er glaubte, "es verzerrt die Realität". Die Realität: Das waren Menschen, die sich aus den Hochhäusern stürzten, Feuerwehrleute, die sich eine tödliche Rauchvergiftung holten, das war eine allgemeine Schocktrauer, die bald in patriotischen Trotz überging. Ein zufällig gefundenes Motiv mit Leuten, für die dieser brutale Anschlag längst kein Grund war, sich nicht zu einem Schwätzchen in der Sonne zusammenzuhocken, war nach dem 11. September verboten. Stattdessen gab es Bilder des Terrors zu sehen: Rauchwolken, schreiende Menschen und immer wieder die Explosion, mit der das zweite Flugzeug ins World Trade Center gerammt wurde. Die Ausstellung "Bilder im Kopf" im Forum Willy Brandt in Berlin-Mitte zeigt einige der bekanntesten Bilder des 20. Jahrhunderts, und es zeigt sie als Inszenierung. Der "Tag von Potsdam" gehört dazu, als sich Hindenburg und Hitler im Sturz der Weimarer Demokratie verbrüderten, der Junge, der 1943 mit erhobenen Händen vor dem SS-Trupp im Warschauer Ghetto steht, der Händedruck von Grotewohl und Pieck, der 1946 die Zwangsvereinigung von SPD und KPD besiegelte. Es sind Bilder, die unbefragt in jedes Geschichtsbuch aufgenommen sind und das Wissen der Nachwelt prägen.
In der Ausstellung wird das Bild als Inszenierung, als Propagandamittel, als Waffe gezeigt. Es geht um Kamerawinkel, Bildausschnitte, Perspektivenwechsel und natürlich immer um das Medium, das die Fotos verbreitet. Ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, hat Jürgen Henschel am Abend des 2. Juni 1967 die ikonische Pietà nachgestellt, nur ist es nicht Maria, die ihren toten Sohn, sondern eine hilflose Studentin, die den sterbenden Benno Ohnesorg im Arm hält. Henschel hatte diesen klassischen Topos der Kunstgeschichte bereits im Kopf, ehe er ihn tatsächlich fotografiert. Auch wenn seit dem vergangenen Jahr bekannt ist, dass der Westberliner Polizist, der Ohnesorg umbrachte, auch noch als IM für die Ostberliner Staatssicherheit wirkte, bleibt das religiöse Andachtsbild der ermordeten Unschuld. Bilder können auch lügen. Um elf Uhr abends am 30. April 1945, sieben Stunden nachdem sich Hitler im Bunker umgebracht hatte, stiegen sowjetische Soldaten auf den brennenden Reichstag und hissten die rote Fahne. So wichtig diese Aktion war, es konnte sie keiner sehen. Es war dunkel, und kein Fotograf hat die Soldaten begleitet. Stalin aber wünschte den Triumph im Bild. Deshalb stieg Jewgeni Chaldej zwei Tage später noch einmal auf den Reichstag und nahm das Bild auf, das die Soldaten der Roten Armee als Sieger der Geschichte zeigen sollte. Das ging nicht ohne Fälschung: Die Uhr, die ein Soldat im Siegesrausch geraubt hatte, musste wegretuschiert werden, und die Fahne war in der schwarz-weißen Aufnahme nicht farbig genug, sodass sie, um den Triumph vollkommen zu machen, nachkoloriert wurde. Auch das fast mythische Bild, auf dem sechs amerikanische Soldaten bei der Rückeroberung des Pazifiks in Iwo Jima ihre Fahne aufrichten, ist für die ehrfürchtige Nachwelt gestellt und wurde ein weiteres Mal nachgestellt, als der Fotograf die Feuerwehrleute am Ground Zero zu einer ähnlich heroischen Geste zusammenführte. Alle Bilder lügen, aber manche können doch die Wahrheit zeigen. Selbst die realistischste Reportage bedarf der Inszenierung. Zwei Tage nach der Abriegelung Westberlins durch das, was die DDR dann den "Antifaschistischen Schutzwall" nannte, floh am 15. August 1961 der NVA-Soldat Conrad Schumann mit einem Satz über den schon ausgerollten Stacheldraht in den Westen. So eindrucksvoll dieser Sprung in die Freiheit war, es war auch ein Sprung für die wartenden Kameras. Schumann hatte den Bildreportern vorher klar zu erkennen gegeben, dass er ihnen gleich Material für historische Aufnahmen lief.
Kein Bild kann die Wahrheit sagen, allenfalls einen Ausschnitt von dem zeigen, was mehr oder weniger zufällig geschieht. Bis heute streiten sich die Deuter darum, ob Willy Brandt den Kniefall geplant hatte, den er 1970 im ehemaligen Warschauer Ghetto vollführte. In seinen Erinnerungen besteht Brandt darauf, dass es spontan geschehen sei: "Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt." Das Bild jedenfalls kam dem Verstummen zu Hilfe. Der kniende Brandt ging um die Welt. Die Ausstellungsmacher in Berlin halten die Geste für eine Inszenierung, und sie ist es nicht zuletzt durch unterschiedliche Kamera-Augen geworden. Die bekannteste Aufnahme stammt von Axel Springer, dem Verleger-Sohn, der sich als Fotograf Sven Simon nannte. Niemand bekämpfte Brandts Ostpolitik, das Bemühen, sich 25 Jahre nach dem Ende des Kriegs mit Polen und der Sowjetunion auszusöhnen, mit mehr Wut als die Zeitungen des Springer-Verlags. Brandt und die Seinen waren für die Autoren von Bild und Welt "Verzichtspolitiker", "Verräter", und sie betrieben den "Ausverkauf" Deutschlands. Die demütige Geste Brandts konnte Axel Springer senior immerhin anerkennen, ansonsten ließ er den Kampf gegen Brandt und die Ostverträge munter fortsetzen. Als hätte es diese Auseinandersetzungen nie gegeben, warb Bild 2007 in einer Eigen-Kampagne mit Brandts Kniefall und zeigte, dass ihr keine Scham die Sprache verschlagen könnte: "Die Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." 1977 entführten Terroristen, die sich als Angehörige der Roten Armee bezeichneten, den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Es begann ein Kampf um die Bilderhoheit. Die Regierung erwirkte eine Nachrichtensperre, doch dann gelangte das Foto, das Schleyer als "Gefangenen der RAF" auswies, über französische Agenturen in die Tagesschau. Die RAF hatte der Bundesrepublik den Krieg erklärt, und das Foto war der triumphale Beweis ihrer Macht. Für den Schriftsteller Friedrich Christian Delius war das "Skandalon" ein anderes: "Nie zuvor hatte man in Deutschland einen SS-Mann leiden sehen." Und doch nahm das Bild des gedemütigten Gefangenen die Bevölkerung für den bis dahin wenig geliebten Schleyer ein. Die RAF verlor ihren Kampf um das wahre Bild und am Ende den Kampf mit dem Staat. Das wahre Bild gibt es nicht. Was aber zeigt Thomas Hoepkers Bild des 11. September? Die Wahrheit, und nichts als die bittere Wahrheit: Das Leben geht weiter, aber nur für die Lebenden.

27.5.10

Positionen der Aktfotografie

Edward Weston, Nude 1936

Die Berliner Galerie CAMERA WORK präsentiert im Sommer eine hauptsächlich aus der eigenen Sammlung kuratierte Gruppenausstellung mit über 40 Fotografen und deren Perspektive auf den meist weiblichen Akt. Ausgewählte Klassiker werden durch teils bisher noch nie ausgestellte zeitgenössische Arbeiten von Blaise Reutersward, Nadav Kander oder Ralph Mecke ergänzt. Von klassischen, nahezu skulpturalen Studio-Inszenierungen wie von Horst P. Horst, Frantisek Drtikol oder Rudolf Koppitz, über die erotischen und provozierenden Aufnahmen Helmut Newtons oder Bettina Rheims bis zu den im Off-Bereich von Pornodrehs entstandenen dokumentarischen Bildstrecken des jüngst verstorbenen Larry Sultan erstreckt sich die kaleidoskopische Überblicksausstellung.
Auf die Studiophotographie der Piktorialisten folgten in den 1920er Jahren richtungsweisende Bildexperimente. Künstler wie Man Ray, Andre Kértesz oder Edward Weston begannen mittels Mehrfachbelichtungen, Solarisationen, Collagen, extremen Perspektiven und Hell-Dunkel-Kontrasten ihre Körperstudien zu verfremden. Die neuen Bildlösungen wurden in der Nachkriegszeit aufgegriffen, verfeinert und weiterentwickelt. Beinah abstrakte Detailaufnahmen von Ralph Gibson, die sehr sinnlichen Akte von Manuel Álvarez Bravo oder auch die in blaues Licht getauchten poetischen Körperansichten von Kenro Izu sollen hier exemplarisch genannt werden. Lucien Clergue, einer der bedeutendsten Aktphotographen der Welt, besticht mit entblößten weiblichen Körpern über die Schattenspiele streichen. Neben solche aus dem „Skizzenbuch Gottes“ stammenden Photographien, wie Pablo Picasso die Bilder seines Freundes Clergue einmal beschrieb, treten in den 1960er und 1970er zunehmend sexuell konnotierte Bilder wie von Robert Mapplethorpe oder Helmut Newton in den Vordergrund. In der zeitgenössischen Photokunst gibt es u.a. Arbeiten von Thomas Ruff, Larry Sultan oder Nadav Kander, die auf jeweils unterschiedliche Weise Nacktheit reflektieren und die Aktphotographie um neue Bildwelten erweitern, neben erotischen Aufnahmen von Guido Argentini oder Russell James. Während Ruff dem voyeuristischen Betrachter Pornobilder, deren ständige Verfügbarkeit durch das Internet garantiert ist, mittels deren Verfremdung wieder entzieht, dokumentiert Larry Sultan die Einsamkeit und Melancholie am Rande der Industrie, die diese Bilder am Fließband produziert. Kander durchbricht wiederum mit seinen Bildern von barocken, ausgezehrten und strapazierten weiblichen Akten das Diktat eines tradierten Schönheitsideals. Die Abgebildeten sind eingebunden in mystische und düsterne Räumlichkeiten, die einzigartige Atmosphäre dieser Bilder entfaltet unmittelbar eine unheimliche wie archaische Kraft.

NUDES - Positionen der Aktphotographie
3. Juli 2010 – 28. August 2010
Galerie CAMERA WORK
Kantstraße 149, Berlin
Öffnungszeiten: Dienstag – Samstag 11:00 – 18:00 Uhr

Leidenschaft für Kunst - Julia Stoschek

Was inspiriert eigentlich Fotokunst? In den tagtäglichen visuellen Erfahrungen blitzt immer wieder etwas auf, dass Künstler reizt, daraus ein Projekt zu gestalten. Für Andreas Gursky war es etwa der Blick auf den Bildschirm im Vordersitz eines Langstreckenjets für seine neue Serie. Darauf war die Flugstrecke abgebildet über Meeren und Landmassen. Doch außer den rein visuellen Erfahrungen sind es Beziehungen, Partnerschaften, die Kunst beeinflussen. Für Edward Weston spielte die Liebe zu Charis Wilson eine große Rolle oder die Jahre mit Tina Modotti. So ließen sich zahllose Beispiele finden, die Bilder prägen. Also, wer sind eigentlich die Frauen, die oft so unbeachtet in der Kunstinterpretation bleiben? In einer losen Folge stellen wir sie vor. Julia Stoschek ist die Partnerin von Andreas Gursky.

In lautloser Betriebsamkeit schwirren die Mitarbeiter durch das Düsseldorfer Privatmuseum. Die ehemaligen Fabrikhallen sind von nüchterner Eleganz. Lächelnd kommt Julia Stoschek die Treppe herunter. Jeder Lidstrich sitzt, keines ihrer dunklen Haare fällt aus der modischen Frisur. Trainiert ist sie und sehr, sehr schlank. Wie man es von einer ehemaligen Dressurreiterin erwartet, hat sie alles unter Kontrolle. Die Begrüßung ist routiniert. Julia Stoschek sammelt Kunstwerke aller Art – Fotografie, Malerei, Installationen und Performancedokumentationen. Von Anfang an aber hat sie sich auf die Videokunst konzentriert. Oft sind es Arbeiten, die sich mit psychischen Extremsituationen auseinandersetzen, den Körper in all seiner schwitzenden Hässlichkeit präsentieren oder eine übermenschliche Zerstörungswut zur Schau stellen.
Der Kontrast zwischen Sammlung und Sammlerin könnte größer nicht sein. Anders als die Malerei hat die Videokunst kaum einen Sekundärmarkt bei Händlern und Auktionshäusern. Die Wertsteigerungen halten sich in Grenzen. „Unter monetären Gesichtspunkten“, sagt Stoschek lachend, „wäre meine Sammlung wohl ziemlich erfolglos.“ Ihre Affinität zu dem Medium ist biografisch begründet. Schon ihre Großmutter, eine Schauspielerin, habe begeistert Filme gedreht, erzählt sie, und auch sie mag es, wenn Bilder sich bewegen. In fast jedem Zimmer, selbst in Bad und Küche, habe sie einen Fernseher stehen. Die 34-Jährige sammelt vorwiegend die Kunst ihrer Generation. Natürlich besitzt sie auch Videoklassiker von Bruce Nauman oder Dan Graham. Das Herzstück ihrer Sammlung aber besteht aus Arbeiten jüngerer Künstler wie der Schwedin Klara Lidén, des Berliners Clemens von Wedemeyer oder der New Yorkerin Mika Rottenberg. Den Museumsbetrieb, den Kauf, die Archivierung und die Restaurierung der Werke kann sie sich leisten, weil sie Gesellschafterin des Autozulieferers Brose ist. Das im oberfränkischen Coburg ansässige   Familienunternehmen wurde schon von ihrem Urgroßvater gegründet. Heute enthält jedes fünfte Auto der Welt ein Schiebedach, einen Sitz, eine Klimaanlage oder ein anderes Brose-Erzeugnis. 
Wie viele Menschen, die das Sammeln zur Lebensaufgabe gemacht haben, spricht auch Stoschek in einem fast religiösen Ton von zeitgenössischer Kunst. Ihren „Erweckungsmoment“ habe sie gegehabt, als sie das Museum des Hamburger Kunstsammlers Harald Falckenberg besuchte. Je exzessiver und sexuell expliziter die Kunstwerke waren, die sie dort sah, desto mehr fühlte sie ihre Leidenschaft geschürt. „Das war wie eine zweite Geburt, etwas, worauf ich gewartet hatte.“ Als sie vor acht Jahren selbst damit begann, Kunst zu sammeln, stieß Stoschek zunächst auf Skepsis. Für einige Galeristen und Kuratoren ist es eine Überraschung, dass es ihr gelungen ist, in so kurzer Zeit eine Kunstsammlung solch herausragenden Formats aufzubauen. Sie selbst finde die Zurückhaltung, mit der man Neuankömmlingen in der Kunstszene begegnet, nicht falsch. Sie respektiert das Wissen und die Erfahrung der Kollegen. Dass jetzt ihre Sammlungsschau in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt wird, wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Ritterschlag. Stolz zeigt die Sammlerin auf die Abzüge des Covers für den Hamburger Ausstellungskatalog. Ihr schönes Gesicht ist darauf abgebildet, auf einem schräg sitzenden Segelkäppi steht in klassischen Goldlettern der Schriftzug „Julia“. Mit ihrem sachkundigen Sinn für Selbstinszenierung hätte Stoschek wohl auch eine deutsche Paris Hilton werden können, ein reiches Partygirl, ein junges High-Society-Ding. Die studierte Betriebs- und Automobilwirtschaftlerin hätte sich auch für eine geschäftsführende Position im Familienunternehmen entscheiden können. Stattdessen hat sie die Kunst ins Zentrum ihres Lebens gestellt, besucht Künstlerateliers, unternimmt Streifzüge durch Galerien und Messen, produziert Kataloge und organisiert Ausstellungen. Sie gehört zum Kuratorium der Berliner Kunst-Werke und arbeitet in der Ankaufskommission des New  Yorker Museum of Modern Art. In der dritten Etage ihres Museums in Düsseldorf hat sie ihre Wohnung eingerichtet, ihr ganzes Leben ist ein ununterbrochenes Gespräch über Kunst. Sie ist mit dem deutschen Fotografen Andreas Gursky liiert, und eine ihrer engsten Freundinnen ist die Performancekünstlerin Marina Abramovic´. Als Mitte März eine Abramovic´- Retrospektive im MoMA begann, wartete Stoschek mehrere Stunden, um als Erste daran teilzunehmen. Bis zum Ausstellungsende im Mai würde die enigmatische Künstlerin Tag für Tag unbewegt auf einem Stuhl sitzen und die Zuschauer dazu einladen, ihr gegenüber Platz zu nehmen. „Als ich vor Marina saß, musste ich die ganze Zeit weinen“, erinnert sich die Sammlerin, „es war eine der intensivsten Kunsterfahrungen, die ich je gemacht habe. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich einen Marathon gelaufen.“ Wenn Julia Stoschek über Kunst erzählt, die sie bewegt, klingt sie oft an, diese Rhetorik der Überwältigung. „Wehtun“ sollen die Arbeiten, „irritieren“, „fesseln“ und „aufwühlen“ – und für jemanden, der gewohnt ist, sein Leben so sehr wie sie unter Kontrolle zu haben, ist das vielleicht auch das größte Geschenk.

Daniel Schreiber leitet das Ressort Salon der Zeitschrift Cicero. Er ist Autor der Biografie „Susan Sontag. Geist und Glamour“, die im Aufbau-Verlag erschienen ist.

26.5.10

Kaisersaal im Berliner Museum für Fotografie wieder eröffnet

Der Kaisersaal im Museum für Fotografie in Berlin-Charlottenburg wird heute wieder eröffnet. Damit können alle Etagen des Hauses im einstigen Landwehrkasino in der Jebensstraße besucht werden, wie die Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) mitteilten. Zwei Akteure bespielen nun wieder das Museum auf insgesamt 2000 Quadratmetern - die Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek den Kaisersaal im zweiten Obergeschoss und die Helmut Newton Foundation die beiden unteren Etagen. Das Museum für Fotografie haben seit Sommer 2004 rund 700 000 Fotografie-Interessierte aus aller Welt besucht. Außer Ausstellungen der Helmut Newton Foundation fanden auch die von der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek gezeigten Positionen zur Fotografie der Gegenwart im damals noch ruinösen Kaisersaal großes Interesse.
In Zukunft wird der Kaisersaal im Museum für Fotografie die Ausstellungsplattform der Kunstbibliothek für vielfältige Perspektiven der Fotografiegeschichte sein. Den Auftakt bildet die Ausstellung «Ein neuer Blick: Architekturfotografie aus den Staatlichen Museen zu Berlin». Im Mittelpunkt steht die Architekturfotografie als die früheste Gattung des Lichtbilds. Aufgrund der Bombenschäden des Zweiten Weltkriegs konnte der Ballsaal im ehemaligen Offizierskasino der Preußischen Landwehr zunächst nur provisorisch genutzt werden. Nach der kompletten Neugestaltung durch Kahlfeldt Architekten sei ein Ausstellungsort nach internationalen Standards entstanden, hieß es. Das Gebäude ist in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. am 2. September 1909 eröffnet worden. Die Kunstbibliothek hatte im Kaisersaal von 1954 bis zu ihrem Umzug ans Kulturforum 1993 ihren Hauptsitz. Sie besitzt eine außergewöhnliche Sammlung zur Fotografie vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.